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Anweiden - eine Kunst und auch eine Gefahr

Anweiden - eine Kunst und auch eine Gefahr

Richtiges Anweiden beim Pferd – Risiken verstehen und sicher in die Weidesaison starten

Kurze Zusammenfassung zum Anweiden

Das Anweiden im Frühling ist eine der sensibelsten Phasen im Pferdejahr. Der Wechsel von strukturreichem Heu zu frischem, zuckerhaltigem Weidegras stellt Verdauung, Darmflora und Stoffwechsel vor eine erhebliche Umstellung. Wissenschaftliche Erkenntnisse und langjährige praktische Erfahrung zeigen, dass ein langsamer, schrittweiser Weidestart über mehrere Wochen das Risiko für Hufrehe, Koliken, Durchfall und Stoffwechselbelastungen deutlich reduzieren kann. Entscheidend sind das individuelle Risikoprofil des Pferdes, ein angepasstes Weidemanagement und eine aufmerksame Beobachtung während der gesamten Anweidephase.

Fachliche Einordnung zum Anweiden

Dieser Ratgeber wurde von unserer Tierärztin Katrin Knecht Tierärztin Katrin Knecht (& seit über 20 Jahren in der Naturheilkunde tätig) und auf Basis der Erfahrungen unserer Tierheilpraktikerin, unserer Beraterinnen und unserer Pferdezüchterin erstellt. Grundlage sind über zwei Jahrzehnte praktische Begleitung und fachliche Einordnung von Pferden mit akuter und schleichender Futterumstellung und Anweidephase.

Die Inhalte basieren auf wissenschaftlichen Übersichten zu Fruktanbelastung, Darmmikrobiota und stoffwechselbedingten Risiken sowie auf vielen Jahren praktischer Begleitung von Pferden in der Anweidephase. Unsere Haltung ist klar: Nicht das Weidegras selbst ist das Problem, sondern die Geschwindigkeit der Umstellung und ein fehlendes oder unzureichendes Fütterungs- und Weidemanagement.

Häufige Fragen zum Anweiden

Wie lange sollte die Anweidephase dauern?

In der Regel drei bis vier Wochen. Der Einstieg erfolgt mit sehr kurzen Weidezeiten von etwa fünf bis zehn Minuten täglich, die schrittweise in kleinen Intervallen gesteigert werden.

Warum ist Fruktan im Frühjahr kritisch?

Fruktane sind Mehrfachzucker, deren Gehalt im Weidegras je nach Wetter, Tageszeit und Graslänge stark schwanken kann. Gelangen größere Mengen unvorbereitet in den Dickdarm, können Fehlgärungen entstehen.

Sind nur übergewichtige Pferde gefährdet

Nein. Auch normalgewichtige Pferde ohne bekannte Vorerkrankungen können empfindlich reagieren. Besonders sensibel gelten Ponys und Pferde mit Stoffwechselbesonderheiten oder entsprechender Vorgeschichte.

Wann ist der Zuckergehalt im Gras besonders hoch 

Nach sonnigen Tagen mit kühlen Nächten sowie bei sehr kurzem, jungem Gras können erhöhte Zucker- und Fruktanwerte auftreten.

Sollte während des Anweidens weiterhin Heu gefüttert werden

Ja. Ausreichendes Raufutter unterstützt die Darmtätigkeit, stabilisiert das Verdauungsmilieu und verhindert hastiges Fressen großer Grasportionen.

Können Ergänzungsfuttermittel sinnvoll sein

Manche Pferdehalter nutzen begleitend unsere Kräutermischungen zur Unterstützung von Darm und Stoffwechsel. Diese ersetzen jedoch keine langsame, sorgfältige Anweidepraxis, sondern begleiten sie.

Richtiges Anweiden - Risiken, Herausforderungen und unsere Erfahrung aus vielen Jahren Begleitung

Der Frühling ist für viele Pferde der ersehnte Start in die Weidesaison. Nach den Wintermonaten, in denen Heu und Stroh die Hauptfuttergrundlage bilden, wirkt frisches Weidegras wie ein Geschenk. Es ist saftig, aromatisch und entspricht dem natürlichen Fressverhalten des Pferdes. Gleichzeitig gehört das Anweiden zu den sensibelsten Phasen im gesamten Jahresverlauf, weil der Organismus innerhalb kurzer Zeit vor einer tiefgreifenden Umstellung steht. 

Eine physiologische Herausforderung für Verdauung und Stoffwechsel

Während der Wintermonate ist der Verdauungstrakt auf strukturreiche, trockene Futtermittel eingestellt. Die Mikroflora im Dickdarm passt sich dieser Fütterung an. Mit Beginn der Weidesaison verändert sich die Zusammensetzung der aufgenommenen Nährstoffe jedoch abrupt. Frisches Gras enthält deutlich mehr Wasser, Zucker und leicht verdauliche Kohlenhydrate als Heu.

Besondere Bedeutung kommt dabei den sogenannten nicht strukturellen Kohlenhydraten zu, insbesondere den Fruktanen. Diese pflanzlichen Zucker können im Frühjahr, abhängig von Witterung, Sonneneinstrahlung, Nachtfrost und Graslänge, in hohen Konzentrationen vorkommen. Gelangen größere Mengen davon unvorbereitet in den Dickdarm, kann es zu Fehlgärungen kommen. Diese belasten Darmmilieu und Stoffwechsel und bringen das empfindliche Gleichgewicht ins Wanken.

Wissenschaftliche Untersuchungen zur Darmmikrobiota des Pferdes zeigen, dass schnelle Futterwechsel die Zusammensetzung der Darmflora deutlich verändern können. Diese Instabilität wirkt sich auf Futterverwertung, Wohlbefinden und Leistungsbereitschaft aus. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung des Anweidens.

Hufrehe als zentrales Risiko

Zu den bekanntesten und gefürchtetsten Folgen eines unvorsichtigen Weidestarts zählt die Hufrehe, medizinisch Laminitis. Sie steht häufig im Zusammenhang mit hohen Zucker und Fruktananteilen im Weidegras und einer daraus resultierenden Stoffwechselbelastung. Entzündliche Prozesse in der Huflederhaut können entstehen und für das Pferd sehr schmerzhaft sein.

Wichtig ist uns eine klare Einordnung: Hufrehe betrifft nicht nur übergewichtige Pferde oder Tiere auf besonders üppigen Weiden. Auch schlanke Pferde, normal gehaltene Tiere oder Pferde ohne bekannte Vorerkrankungen können während der Anweidephase Symptome entwickeln. Besonders empfindlich reagieren Ponys, Pferde mit Insulinresistenz, Cushing Syndrom oder Tiere mit einer Hufrehe Vorgeschichte.

Hinzu kommt, dass sich Hufrehe nicht immer unmittelbar nach dem Weidegang zeigt. Symptome können zeitverzögert auftreten, was die Ursachenfindung erschwert. Umso wichtiger ist eine aufmerksame Begleitung während der gesamten Anweidezeit.

Koliken, Durchfall und Störungen der Darmflora

Neben der Hufrehe zählen Koliken zu den häufigsten Komplikationen beim Anweiden. Eine abrupte Futterumstellung kann den Verdauungstrakt überfordern, insbesondere wenn große Mengen frischen Grases aufgenommen werden. Fehlgärungen im Dickdarm können Blähungen, Schmerzen und Verstopfungen begünstigen.

Auch Durchfall und Kotwasser sind in der Anweidephase keine Seltenheit. Sie entstehen häufig durch eine Störung der empfindlichen Darmflora, die Zeit benötigt, um sich an das neue Futter anzupassen. Eine instabile Darmumgebung belastet nicht nur akut, sondern kann auch längerfristig die Futterverwertung und das allgemeine Wohlbefinden beeinflussen.

Wann Weidegras besonders kritisch ist

Nicht nur die Menge des aufgenommenen Grases spielt eine Rolle, sondern auch der Zeitpunkt des Weidegangs. Untersuchungen zeigen, dass der Zuckergehalt des Grases im Tagesverlauf schwankt. Nach sonnigen Tagen mit kühlen Nächten kann er erhöht sein. Sehr kurzes, junges Gras weist häufig höhere Fruktanwerte auf als längerer Bewuchs.

Diese Faktoren machen deutlich, dass durchdachtes Weidemanagement entscheidend ist, um Belastungsspitzen zu vermeiden.

Wie Pferde richtig angeweidet werden sollten

Aus unserer Erfahrung ist ein langsames, konsequentes Vorgehen der wichtigste Schutzfaktor. Bewährt hat sich ein Beginn mit sehr kurzen Weidezeiten von fünf bis zehn Minuten täglich. Diese können alle zwei bis drei Tage moderat verlängert werden. So erhält der Verdauungstrakt Zeit, sich schrittweise an das frische Gras anzupassen. Eine vollständige Anweidephase dauert in der Regel drei bis vier Wochen.

Sinnvoll ist es, Pferde zunächst auf weniger üppige Flächen zu lassen. Längeres Gras mit einer Höhe von etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Zentimetern ist in der Regel besser verträglich als sehr kurzes, junges Gras.

Ebenso wichtig bleibt die Versorgung mit Raufutter. Auch während der Weidezeit sollte ausreichend Heu zur Verfügung stehen. Heu unterstützt die Darmtätigkeit und verhindert, dass das Pferd ausschließlich große Mengen frischen Grases aufnimmt. Besonders bewährt hat es sich, dem Pferd vor dem Weidegang Heu anzubieten, damit es nicht hastig frisst.

Begleitende Unterstützung in der Anweidephase

Viele Pferdehalter setzen in dieser sensiblen Phase auf eine begleitende naturheilkundliche Unterstützung. Aus unserer langjährigen Erfahrung wissen wir, dass ausgewählte Kräuter traditionell genutzt werden, um Verdauung und Stoffwechsel in Zeiten der Futterumstellung zu begleiten. 

Auch die Stabilisierung der Darmflora spielt eine wichtige Rolle. Präbiotische Komponenten, B Vitamine oder mineralische Zusätze werden traditionell eingesetzt, um die Darmumgebung zu unterstützen. Manche Halter nutzen in dieser Phase entsprechende Ergänzungen, um den Übergang auf Weidegras ruhiger zu gestalten.

Wichtig bleibt die Einordnung: Solche Maßnahmen begleiten das Anweiden, ersetzen jedoch niemals ein langsames, umsichtiges Vorgehen. Die Basis bleibt immer ein strukturiertes Management, eine individuelle Risikobewertung und die sorgfältige Beobachtung des Pferdes.

Fazit

Das Anweiden ist ein natürlicher Bestandteil des Pferdejahres und gleichzeitig eine Phase erhöhter Sensibilität. Wissenschaftliche Erkenntnisse und unsere praktische Erfahrung zeigen übereinstimmend, dass eine ruhige, schrittweise Umstellung das Risiko für Hufrehe, Koliken und Verdauungsstörungen deutlich reduzieren kann.

Wer die Umstellung bewusst gestaltet, individuelle Risikofaktoren berücksichtigt und sein Pferd aufmerksam begleitet, schafft die Grundlage für eine gesunde und entspannte Weidesaison.