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Wohlstandskrankheiten unserer Pferde & Ponys

Kurze Zusammenfassung

Viele Pferde und Ponys in Deutschland sind heute krank – nicht weil ihre Besitzer sie nicht lieben, sondern weil das Wissen darüber, was Pferde wirklich brauchen, in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen ist. Was früher selbstverständlich war – karges Futter, viel Bewegung, artgerechte Haltung – ist in der modernen Pferdehaltung oft kaum noch zu finden.

Die Folge: Diagnosen wie EMS, Cushing, Hufrehe und Stoffwechselprobleme häufen sich. Wir nennen sie „Wohlstandskrankheiten“ – aber das trifft es nicht ganz. Es sind Krankheiten der falschen Fütterung, der falschen Erwartungen und eines fehlenden Verständnisses dafür, was ein Pferd wirklich ist.

Das Pferd: ein Steppentier in der Pferdebox

Um zu verstehen, warum so viele Pferde heute krank werden, muss man nur einen Moment zurücktreten und an den Ursprung denken.

Das Wildpferd lebte auf weiten, kargen Steppen. Es lief täglich 20 bis 40 Kilometer. Es fraß fast ununterbrochen – aber was es fraß, war nährstoffarm: trockenes Gras, Kräuter, manchmal Rinde. Sein Verdauungssystem entwickelte sich über Millionen von Jahren genau dafür: kleine Mengen, langsam und kontinuierlich, mit vielen Stunden Kauarbeit pro Tag.

Was machen wir heute? Wir stellen ein Pferd in eine Box von 12 Quadratmetern. Wir geben ihm zweimal täglich Kraftfutter. Wir lassen es ein bis zwei Stunden täglich auf eine satte, überdüngte Weide. Wir decken es ein, damit es nicht friert. Wir schonen es, weil wir es lieben.

Das Ergebnis ist ein Organismus, der für Knappheit gebaut wurde – und im Überfluss lebt.

Das Problem mit dem „rund und gesund“

In vielen Stallgemeinschaften gilt ein rundes Pferd als gepflegtes Pferd. Rippen darf man nicht sehen. Der Mähnenkamm darf ruhig etwas voller sein. „Der hat halt einen guten Futterzustand“ – ein Satz, den wir im Tierheilkundezentrum Nehls regelmäßig hören.

Das Problem: Was beim Warmblut noch tolerierbar ist, ist beim Isländer, Haflinger oder Tinker oft schon gefährlich. Denn diese Rassen wurden in Regionen gezüchtet, wo Nahrung knapp war. Island, das Gebirge, die Steppen Zentralasiens – dort gab es keinen Überfluss. Ihr Stoffwechsel ist auf Sparsamkeit programmiert.

Das bedeutet konkret: Ein Isländer, ein Haflinger, ein Shetlandpony braucht deutlich weniger als ein Warmblut gleicher Größe. Dieselbe Heuqualität, die ein Warmblut gut verträgt, kann einem Isländer bereits zu viel sein. Derselbe Weidegang, der für ein Springpferd kein Problem darstellt, kann einem Pony innerhalb von Wochen den Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht bringen.

Das ist keine Kritik an den Besitzern – es ist ein Wissen, das kaum jemand mehr vermittelt.

Welche Rassen besonders aufmerksam begleitet werden müssen

Als Faustregel gilt: Je ursprünglicher die Rasse, desto sparsamer ihr Stoffwechsel – und desto sensibler reagiert er auf Überversorgung.

Besonders sensibel: Isländer, Haflinger, Fjordpferde, Tinker, Shetlandponys, Welsh Ponys, Connemara, Noriker, Araber – und alle Kreuzungen mit diesen Rassen.

Weniger sensibel, aber nicht unempfindlich: Warmblüter, Vollblüter, schwere Rassen wie Kaltblüter.

Das bedeutet nicht, dass Warmblüter keine Fütterungsprobleme bekommen. Es bedeutet, dass Robustpferde und Ponys mit einem Bruchteil der Energie auskommen, die wir ihnen oft geben – und dass Überversorgung bei ihnen schneller zu sichtbaren Problemen führt.

Was wir unseren Pferden zu viel geben

In unserer täglichen Beratung sehen wir immer wieder dieselben Muster:

Zu energiereiches Heu. Heu von überdüngten Hochleistungswiesen, das ursprünglich für Milchkühe gezüchtet wurde, hat einen viel höheren Energiegehalt als das, was ein Pferd braucht. Für ein leichtfuttriges Pony kann solches Heu – zur freien Verfügung gefüttert – langfristig den Stoffwechsel entgleisen lassen.

Kraftfutter ohne echten Bedarf. Die meisten Freizeitpferde, die zwei bis drei Mal pro Woche geritten werden, brauchen kein Kraftfutter. Ihr Energiebedarf wird durch gutes Heu vollständig gedeckt. Kraftfutter ist für Hochleistungspferde gedacht – nicht für das Freizeitpony.

Zu viele Leckerlis und Extras. Möhren, Äpfel, Brot, Zucker – alles gut gemeint, alles mit Auswirkungen auf den Blutzucker. Beim Warmblut fällt das kaum ins Gewicht. Beim Isländer mit Stoffwechselneigung können es die tropfen sein, die das Fass zum Überlaufen bringen.

Unkontrollierter Weidegang. Eine satte Frühlingsweide kann für empfindliche Pferde gefährlich sein – nicht wegen der Bewegung, sondern wegen der Zuckermengen im frischen Gras. Ein Pferd das vier Stunden auf einer üppigen Frühjahrsweide steht, nimmt dabei mehr Zucker auf als in einer Woche Heufütterung.

Zu wenig Bewegung. Bewegung ist kein Luxus – sie ist medizinische Notwendigkeit. Sie reguliert den Stoffwechsel, fördert die Durchblutung der Hufe, hält Gewicht und Muskulatur im Gleichgewicht. Ein Pferd das drei Mal pro Woche eine Stunde bewegt wird, bewegt sich nicht ausreichend.

Was „falsche Fütterung“ wirklich bedeutet

Falsche Fütterung heißt nicht automatisch zu viel Futter. Sie kann auch bedeuten:

  • Das falsche Futter für die jeweilige Rasse
  • Futter von schlechter Qualität – Heu mit Mykotoxinen, altes Heu, Heu mit zu hohem Zuckergehalt
  • Zu wenig Rohfaser und zu lange Fresspausen
  • Synthetische Zusatzstoffe in Ergänzungsfuttermitteln, die die Leber belasten
  • Falscher Zeitpunkt der Fütterung – Pferde brauchen kontinuierliche kleine Mengen, nicht zwei große Mahlzeiten
  • Zu viele Mineralien auf einmal – auch Überversorgung mit gut gemeinten Ergänzungsmitteln kann Schaden anrichten

Das Pferd hat keinen Magen für Mahlzeiten. Es hat einen Verdauungstrakt für Dauerfresser. Lange Fresspausen erhöhen das Magengeschwür-Risiko, stören die Darmflora und setzen Stresshormone frei. Ein Pferd das nachts 10 Stunden ohne Raufutter steht, leidet – auch wenn wir es nicht sehen.

Was diese Diagnosen wirklich sind

EMS, Cushing-Diagnosen, Stoffwechselprobleme – in einem Großteil der Fälle, die wir im Tierheilkundezentrum Nehls sehen, sind das Zeichen eines Organismus, der über lange Zeit mit dem falschen Futter, zu wenig Bewegung und fehlenden artgerechten Bedingungen umgehen musste.

Das ist kein Vorwurf an Pferdebesitzer. Es ist ein Systemproblem – denn niemand bringt uns das mehr bei. Reitlehrer lehren Reiten. Tierärzte behandeln Krankheiten. Aber wer erklärt einem Erstkäufer, dass sein neues Haflinger-Pony kein Kraftfutter braucht? Dass es auf der Weide einen Maulkorb tragen sollte? Dass ein voller Mähnenkamm kein Zeichen von Gesundheit, sondern ein Warnsignal ist?

Wir tun es – seit über 26 Jahren. Und wir erleben täglich, wie viel sich verändert, wenn Pferdehalter einfach besser informiert sind.

Was du sofort tun kannst

Wenn du das Gefühl hast, dass dein Pferd oder Pony „irgendwie nicht ganz stimmt“ – fühlig läuft, schlechten Fellwechsel hat, schlecht abnimmt oder zu gut zunimmt – fang mit diesen Fragen an:

  • Welche Rasse habe ich – und was hat diese Rasse ursprünglich gefressen?
  • Wie viel Heu bekommt mein Pferd – und woher kommt dieses Heu?
  • Wie viele Stunden steht mein Pferd ohne Raufutter?
  • Wie viel Kraftfutter bekommt es – und braucht es das wirklich?
  • Wie viel echte Bewegung hat mein Pferd pro Tag?

Die Antworten auf diese fünf Fragen lösen mehr Probleme als die meisten Diagnosen.

Mehr zu EMS: Equines Metabolisches Syndrom beim Pferd verstehen
Mehr zu Cushing: ECS beim Pferd – Diagnose und was wir wirklich wissen
Mehr zu Hufrehe: Symptome, Notfallhilfe und systemische Ursachenarbeit

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Pferd oder Pony nicht ganz stimmt – aber keine klare Diagnose? Wir sind seit über 26 Jahren Ansprechpartner für genau diese Situationen. +49 171 18 547 23 oder +49 5642 988 8826