Pumpende Atmung bei Hitze
Warum heftiges Atmen im Hochsommer bei Isländern, Friesen & Co. oft kein equines Asthma ist – sondern Thermoregulation
Islandpferde und andere Nordpferderassen schwitzen weniger als blütige Warmblüter – eine Anpassung an ihr ursprünglich kaltes, windiges Klima, kein Mangel. Weil ihnen der Kühlweg über die Haut teilweise fehlt, kühlen sie sich verstärkt über die Atmung. Heftiges, pumpendes Atmen im Hochsommer ist bei diesen Pferden deshalb häufig aktive Wärmeregulation – und nicht equines Asthma. Wer den Unterschied kennt, erspart dem Pferd unnötige Medikamente und setzt stattdessen auf das, was wirklich hilft: Hitzemanagement.
- Pferde kühlen sich auf zwei Wegen: über Schwitzen und über die Atmung. Nordpferde nutzen den zweiten Weg deutlich stärker.
- Starkes Atmen bei Hitze ohne Husten, ohne Ausfluss, mit Besserung im Wald oder am Wasser ist meist Thermoregulation – keine Atemwegserkrankung.
- Die Verwechslung mit equinem Asthma liegt nahe, hat aber Folgen: Bronchienerweiterer und Kortison helfen hier nicht und können schaden.
- Die richtige Antwort ist Hitzemanagement. Eine vorhandene Atemwegs-Grunderkrankung gehört außerhalb der Hochsommerhitze sauber abgeklärt.
Ein Bild aus der Praxis – und warum es so oft falsch gedeutet wird
Es ist Hochsommer, dreißig Grad und mehr. Ein Isländer steht auf der Weide und atmet, als wäre er gerade einen Galopp gelaufen. Die Flanken pumpen, die Nüstern arbeiten. Der Besitzer ist beunruhigt – und der Gedanke an equines Asthma liegt nahe. Genau dieses Bild begegnet mir in der Praxis immer wieder, an heißen Tagen oft mehrfach.
Und immer wieder kommen Pferde zu mir, die auf jede Asthma-Behandlung therapieresistent reagieren. Manche werden unter den üblichen Bronchienerweiterern und der Inhalation sogar schlechter statt besser. Das ist ein deutliches Zeichen. Denn wenn die naheliegende Diagnose nicht greift, lohnt sich der zweite Blick.
Was diese Pferde verbindet: Es sind fast immer Isländer und andere klassische Nordpferderassen. Aber ich habe es auch bei Friesen erlebt und bei den so beliebten Mixen mit diesen Rassen. Und das Entscheidende: Bewegung verschlechtert die Atmung bei ihnen nicht. Sie kann sich sogar bessern – vor allem in kühlerer Umgebung, im Wald oder bei der Nutzung von Wasserstellen. Bei einer echten Atemwegsobstruktion wäre das anders herum.
Pferde haben zwei Kühlwege – und nutzen sie unterschiedlich
Menschen schwitzen, Hunde hecheln, Pferde können beides. Das klingt banal, hat aber weitreichende Folgen. Denn auch wenn Pferde allgemein noch viel effizienter schwitzen als wir Menschen, gibt es große Unterschiede zwischen den Rassen und Typen – und eine erhebliche individuelle Varianz.
Es wird oft vergessen, dass Pferde sich auf zwei Wegen abkühlen können. Neben dem Schwitzen ist es eben genau die Atmung, die hierfür genutzt wird. Bei Pferden aus wärmeren Gegenden – Vollblutaraber, iberische Pferde, unsere heutigen blütigen Warmblüter – übernimmt das Schwitzen den Großteil dieser Aufgabe. Dünne Haut, kurzes Fell, gute Verdunstung.
Bei Islandpferden und anderen Nordpferderassen ist das anders. Und das ist kein Mangel, sondern eine Anpassung. Um zu verstehen, warum, lohnt ein Blick auf tausend Jahre Island.
Was tausend Jahre Island aus einem Pferd machen
Das Islandpferd lebt seit über einem Jahrtausend auf Island, weitgehend ohne Einkreuzung fremder Rassen. Niedrige Temperaturen, Regen, Schnee und stürmische Winde sind dort Alltag. Unter diesen Bedingungen war starkes Schwitzen bei Belastung kein Vorteil – es war ein erhebliches Risiko.
Ein Pferd, das nach einem langen Ritt durchgeschwitzt im Wind steht, verliert seine Wärmeschutzschicht. Nasses Fell isoliert kaum noch. Unter isländischen Verhältnissen konnte das existenzbedrohend sein. Die Folge war eine natürliche Selektion über Generationen: Pferde, die nach Belastung schnell nass wurden, hatten es schwerer. Pferde, die weniger schwitzten und stärker über die Atmung kühlten, kamen besser durch.
Das Ergebnis sehen wir heute. Islandpferde haben tendenziell weniger aktive Schweißdrüsen. Dichtes Fell, dicke Haut und eine ausgeprägte Fettschicht isolieren hervorragend in der Kälte – behindern aber die Wärmeabgabe über die Haut im Sommer. Was im isländischen Winter ein Überlebensvorteil war, wird im kontinentalen Hochsommer zur Herausforderung.
Die Lunge als Kühlweg – wie das funktioniert
Was macht ein Körper, dessen Hauptkühlweg eingeschränkt ist? Er nutzt den zweiten Weg intensiver. Die Nasenmuscheln des Pferdes sind von einer blutreichen Schleimhaut überzogen. Beim Ausatmen gibt dieses Gewebe Wärme ab, beim Einatmen kühlt es das Blut direkt. Über einen Gegenstromaustausch wird sogar das Blut gekühlt, das zum Gehirn fließt – ein Mechanismus, der als selektive Hirnkühlung beschrieben ist.
Je schneller das Pferd atmet, desto mehr Kühlleistung bringt dieser Weg. Und das ist der Punkt, an dem so viele Fehldeutungen beginnen: Diese schnelle Atmung ist kein Zeichen von Erschöpfung. Sie ist aktive Thermoregulation. Der Körper tut genau das, wofür er über Generationen geformt wurde.
Dazu passt, dass Nordpferde schon in Ruhe eine höhere Atemfrequenz haben als blütige Warmblüter. Das ist keine Pathologie, sondern die rassespezifische Norm – in der Pferdemedizin seit Jahrzehnten beschrieben. Im Distanzreitsport hatte das reale Konsequenzen: Weil Islandpferde die für Warmblüter gedachten Atemfrequenzkriterien nicht erfüllten, obwohl sie klinisch völlig gesund waren, mussten die Beurteilungskriterien angepasst werden.
Nicht nur Isländer – wer noch betroffen sein kann
Dieses Selektionsprinzip ist nicht auf Island beschränkt. Alle Rassen, deren Vorfahren in windreichen, feuchten, kühlen Klimazonen lebten, können ähnliche Muster zeigen:
- Fjordpferd und Norweger – vergleichbares Herkunftsklima, vergleichbare Morphologie.
- Friesen – von der windreichen niederländischen Küste, schwerer Körperbau.
- Nordwesteuropäische Küstenpony- und Pferderassen allgemein.
- Mixe dieser Rassen – je höher der Nordpferdeanteil, desto deutlicher das Muster.
Auch ein Friesen-Mix kann bei Hitze stärker über die Atmung kühlen als ein blütiger Warmblüter – besonders dann, wenn zusätzlich eine Atemwegsvorgeschichte vorliegt. Und genau diese Kombination führt uns zum schwierigsten Teil.
Warum die falsche Diagnose so naheliegt
Erhöhte Atemfrequenz, Flankenatmung, Nüsternblähen – das sind auch die klassischen Zeichen eines equinen Asthmas. Kein Wunder, dass viele dieser Pferde entsprechend eingeordnet werden. Ich sage ausdrücklich: Das ist kein Vorwurf an Kollegen. Die Thermoregulation als erste Differentialdiagnose fehlt in den meisten klinischen Entscheidungsbäumen, und die rassemedizinischen Besonderheiten der Nordpferde wurden zumindest zu meiner Studienzeit kaum behandelt.
Erschwerend kommt hinzu: Viele Nordpferde haben tatsächlich saisonale Atemwegsprobleme – Heustaub im Winter, Pollen im Frühjahr. Sie husten dann, haben Ausfluss, zeigen entsprechende Befunde. Wenn dasselbe Pferd im Hochsommer bei Hitze stark atmet, liegt der Rückschluss auf equines Asthma nahe. Aber im Hochsommer, ohne Husten, ohne Ausfluss, mit deutlicher Besserung im Wald oder am Wasser – das ist meist nicht die Allergie. Das ist der Körper, der sich abkühlt.
Schwitzt das Pferd dabei – oder nicht?
Ein erstes, einfaches Indiz: Achten Sie darauf, ob das Pferd zusätzlich vermehrt schwitzt. Es kann sein, dass beide Kühlsysteme auf voller Kapazität arbeiten. Aber wenn es heiß ist, das Pferd stark atmet und dabei kaum oder gar nicht schwitzt, ist die erhöhte Atmung sehr wahrscheinlich dem Wärmeaustausch geschuldet – nicht einem Sauerstoffmangel.
Wenn beides zusammenkommt – Allergie und Nordpferdeatmung
Ein Pferd mit echter Pollenallergie und Nordpferdeblut ist die schwierigere Situation, weil beides real ist und sich überlagern kann. Das typische Muster: Im Frühjahr hustet das Pferd, hat Ausfluss, ist in der Leistung reduziert – das ist die Allergie. Im Hochsommer atmet es bei Hitze stark, aber ohne Husten, ohne Ausfluss, aufmerksam und wach – das ist überwiegend die Thermoregulation.
Warum kommen gerade diese Pferde beim Hitzestress schneller ans Limit? Weil eine vorgeschädigte Lunge weniger Reservekapazität hat. Der thermische Kühlbedarf ist derselbe wie bei jedem anderen Nordpferd – aber das System ist früher am Ende seiner Möglichkeiten. Die richtige Antwort darauf ist Hitzemanagement, nicht zwangsläufig ein Asthmamedikament.
Und die Grunderkrankung selbst? Die sollte außerhalb der Hochsommersaison sauber abgeklärt werden – Endoskopie und Bronchiallavage im Herbst oder Winter, wenn die thermische Überlagerung herausfällt und man sieht, was wirklich Sache ist.
Warum die richtige Einordnung nicht egal ist
Wenn thermisch bedingte Kühlatmung als equines Asthma eingeordnet wird, stehen meist Bronchienerweiterer und Kortison im Raum. Beides ist hier das falsche Werkzeug. Bronchienerweiterer helfen nicht, wenn die Atemwege gar nicht verengt sind – sie können das Herz-Kreislauf-System sogar zusätzlich belasten. Die Inhalation über eine Maske kann die Thermoregulation eher behindern als fördern, weil sie genau den Kühlweg einschränkt, den das Pferd gerade braucht.
Das eigentliche Problem bleibt bei diesem Weg unbehandelt. Und das Pferd verliert Zeit, in der ihm mit einfachen Mitteln tatsächlich geholfen werden könnte.
Was wirklich hilft: Hitzemanagement
Wenn die Ursache die Wärme ist, ist die Antwort, sie zu reduzieren. Das klingt unspektakulär – ist aber genau das, was diesen Pferden den Sommer erträglich macht.
- Training in die kühlen Tagesrandzeiten legen – frühe Morgen- oder späte Abendstunden statt Mittagshitze.
- Wald- und Wasserausritte aktiv einbauen – die kühlere Umgebung senkt den Kühlbedarf direkt.
- Nach der Belastung 15–20 Minuten Schritt im Schatten, danach Wasser anbieten.
- Mit Wasser abspritzen – effektiv, aber nicht eiskalt und herzfern beginnend.
- Nicht direkt nach der Arbeit eindecken, solange das Pferd noch Wärme abgeben muss.
- Für Luftzirkulation sorgen – an Hitzetagen keine enge Box ohne Luftstrom.
Und für Pferde mit bekannter Atemwegs-Grunderkrankung gilt: außerhalb der Hochsommersaison stabilisieren. Ein Pferd, das im Frühjahr gut eingestellt durch die Allergiezeit kommt, hat im Sommer mehr Reserven für die thermische Belastung. Genau hier setzt naturheilkundliche Begleitung an – nicht im akuten Hitzemoment, sondern in der ruhigeren Zeit davor, wenn sich der Organismus stabilisieren kann.
Atemwege außerhalb der Hitzesaison stabilisieren
Für Pferde mit saisonaler Atemwegsbelastung kann eine naturheilkundliche Begleitung in der ruhigeren Zeit – Herbst, Winter, frühes Frühjahr – sinnvoll sein, um stabiler in den Sommer zu gehen. Welche Begleitung zum einzelnen Pferd passt, hängt von seiner Geschichte ab. Wir beraten Sie dazu gern individuell, telefonisch oder über die Nehls-Bioresonanz-Haaranalyse.
→ Mehr zu Atemwegsgesundheit beim PferdHäufige Fragen
Unsicher, was bei Ihrem Pferd los ist?
Gerade wenn Allergie und Nordpferde-Atmung sich überlagern, ist die Einordnung schwierig. Wir schauen mit Ihnen gemeinsam hin – aus über 26 Jahren Praxis und aus tierärztlicher Sicht.
Zur Haaranalyse →- Storz, G. (1961): Physiologische Normwerte beim Islandpferd.
- Haubold, A. E. (2006): Normwerterhebung echokardiographischer Parameter bei herzgesunden Islandpferden. TiHo Hannover.
- Stefansdottir et al. (2014): Physiological response to a breed evaluation field test in Icelandic horses. Animal.
- Sigurdardottir et al. (2024): Genetic diversity and signatures of selection in Icelandic horses and Exmoor ponies. BMC Genomics.
- Geor et al. (2023): Heat stress in horses: a literature review. PMC.
