Hufrehe bei trächtigen und laktierenden Stuten
Was Trächtigkeit und Geburt mit dem Huf zu tun haben – Geburtsrehe, Risiken und ganzheitliche Begleitung
Alle Hufrehe-Themen im Überblick
- Trächtigkeit schützt nicht vor Hufrehe – trächtige Stuten erkranken genauso häufig wie andere Pferde, manchmal sogar zum ersten Mal in ihrem Leben.
- Die Geburtsrehe ist eine besondere Form: Sie entsteht, wenn Teile der Nachgeburt in der Gebärmutter verbleiben und Endotoxine freigesetzt werden. Das ist immer ein tierärztlicher Notfall.
- Laktierende Stuten stehen unter intensiver Stoffwechselbelastung – Fütterung, Hufpflege und ein wachsamer Blick auf frühe Warnsignale sind in dieser Phase besonders wichtig.
- Bei trächtigen Stuten muss jede Begleitung Rücksicht auf das Fohlen nehmen – naturheilkundliche Ansätze können ergänzend zur tierärztlichen Behandlung eingesetzt werden.
Schützt Trächtigkeit vor Hufrehe? Das hartnäckige Missverständnis
Viele Pferdehalter gehen davon aus, dass eine trächtige Stute vor Hufrehe geschützt sei – oder dass Stuten, die zuvor an Hufrehe erkrankt waren, durch die Trächtigkeit immun würden. Dieser Gedanke hält sich hartnäckig. Aus unserer langjährigen Praxiserfahrung im Tierheilkundezentrum Nehls können wir klar sagen: Er entspricht nicht der Realität.
Trächtige Stuten und Stuten kurz nach der Geburt eines Fohlens gehören regelmäßig zu unseren Patienten. Manche erleben in dieser Phase zum allerersten Mal einen Hufrehe-Schub. Die Ursachen einer Hufrehe bei trächtigen Stuten sind grundsätzlich dieselben wie bei anderen Pferden: Fütterungsfehler, Stoffwechselbelastungen, eine ungünstige Hufsituation, Stress oder eine bestehende hormonelle Dysregulation. Trächtigkeit und Laktation schützen nicht – sie sind aber auch nicht die eigentliche Ursache.
Warum Trächtigkeit und Laktation den Organismus stark fordern
Trächtigkeit und Laktation stellen für den Organismus einer Stute eine enorme physiologische Herausforderung dar. Stoffwechsel, Hormonhaushalt, Verdauung und Durchblutung müssen gleichzeitig die Bedürfnisse des Muttertieres und die Versorgung des ungeborenen oder neugeborenen Fohlens abdecken.
Der Energiebedarf steigt in den letzten Trächtigkeitsmonaten deutlich an. Hormonelle Veränderungen beeinflussen zahlreiche Stoffwechselprozesse. In der Laktationsphase steigt der Bedarf noch weiter – die Milchproduktion ist metabolisch sehr aufwendig. Für Stuten mit vorbestehenden Stoffwechselrisiken wie EMS oder einer Insulindysregulation ist diese Phase besonders kritisch.
- Stuten mit bekannter Hufrehe-Vorgeschichte
- Leichtfuttrige Rassen und Ponystuten
- Ältere Stuten, die zum ersten Mal fohlen
- Stuten mit EMS, PPID oder Insulindysregulation
- Stuten nach komplikationsreicher Geburt oder Nachgeburtsverhaltung
Die Geburtsrehe – ein klarer Notfall
Die Geburtsrehe ist eine besondere Form der Hufrehe, die ausschließlich nach einer Geburt auftreten kann. Sie entsteht, wenn Teile der Nachgeburt in der Gebärmutter verbleiben und sich dort zersetzen. Dabei werden Endotoxine freigesetzt, die in die Blutbahn gelangen und eine schwere Huflederhautentzündung auslösen können.
Die Geburtsrehe manifestiert sich typischerweise zwei bis drei Tage nach der Geburt. Die Symptome unterscheiden sich nicht von anderen Hufrehe-Formen: warme Hufe, verstärkte Pulsation, Lahmheit, Entlastungshaltung. Da gleichzeitig das Neugeborene auf die Mutter angewiesen ist, ist schnelles Handeln doppelt wichtig.
Hufrehe bei trächtiger Stute erkennen – frühe Zeichen nicht übersehen
Die Symptome einer Hufrehe bei trächtigen und laktierenden Stuten unterscheiden sich grundsätzlich nicht von denen anderer Pferde. Was sich ändert: In dieser Lebensphase werden leise Frühzeichen noch häufiger übersehen, weil die Stute ohnehin langsamer läuft, schwerer ist und weniger bewegt wird.
- Vorderhufe fühlen sich wärmer an als die Hinterhufe
- Verstärkte, pochende Pulsation an der Zehenarterie
- Vorsichtiger, gebundener oder klammer Gang – besonders auf hartem Boden
- Widerwilligkeit beim Hufgeben
- Entlastungshaltung: Gewicht auf Hinterhufe verlagert
- Trächtige Stute liegt deutlich öfter als gewohnt
Jedes dieser Zeichen sollte ernst genommen und tierärztlich abgeklärt werden – auch wenn eine harmlosere Ursache naheliegt. Früherkennung entscheidet über den Verlauf.
Fütterung bei trächtigen und laktierenden Stuten – was wirklich wichtig ist
Die Fütterung gehört zu den wichtigsten Einflussfaktoren – sowohl als möglicher Belastungsfaktor als auch als tragender Hebel zur Stabilisierung. Gerade trächtige Stuten werden in der Praxis häufig zu energiereich gefüttert, weil „sie ja jetzt für zwei fressen". Dieser Reflex ist verständlich, aber nicht immer sinnvoll.
Bewährt hat sich eine ruhige, strukturreiche Basisfütterung mit hochwertigem Raufutter und möglichst gleichmäßiger Energieversorgung. Abrupte Futterumstellungen sollten vermieden werden. Leichtfuttrige Stuten und Ponystuten brauchen auch in der Trächtigkeit eine restriktivere Fütterung als schwerer arbeitende Warmblüter.
- Heu als Basis – strukturreich, analysiert auf Zuckergehalt, keine Hochleistungswiesen
- Keine langen Fresspausen – Heunetze verlangsamen die Aufnahme ohne Restriktion
- Keine Radikaldiät – besonders in der Spätträchtigkeit und Laktation gefährlich (Hyperlipämie)
- Mineralstoffversorgung sichern – ohne Zusatzzucker, bedarfsgerecht
- Kraftfutter nur bei echtem Bedarf – und dann stärkearm
Hochtragende und säugende Stuten haben einen erhöhten Energiebedarf. Dieser lässt sich durch fettreiche Ergänzungen besser abdecken als durch stärke- und zuckerreiche Kraftfutter.
Ganzheitliche Begleitung – was bei trächtigen Stuten besonders gilt
Trächtigkeit und Laktation sind keine Ursachen der Hufrehe – sie sind Phasen, in denen der Organismus besonders gefordert ist. Umso wichtiger ist ein wachsamer Blick auf mögliche Veränderungen, eine ruhige Fütterung und ein ganzheitliches Verständnis der Zusammenhänge.
Was uns in der Praxis besonders wichtig ist: Auch bei trächtigen Stuten darf die Hufsituation nicht außer Acht gelassen werden. Regelmäßige, individuelle Hufpflege in kurzen Intervallen ist auch während der Trächtigkeit möglich und wichtig. Eine schlechte Hufsituation setzt den Hufbeinträger dauerhaft unter Druck – und dieser Stressfaktor bleibt bestehen, egal ob das Pferd trächtig ist oder nicht.
Bei der naturheilkundlichen Begleitung gilt: Kräuter und homöopathische Mittel, die weder für die Stute noch für das Fohlen belastend sind, können ergänzend zur tierärztlichen Versorgung eingesetzt werden. Was zu vermeiden ist: Medikamente, die in der Trächtigkeit kontraindiziert sind – das ist immer mit dem betreuenden Tierarzt abzustimmen.
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